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Interventionsprojekt


Das Bielefelder Interventionsprojekt
gegen Gewalt von Männern in Beziehungen

Häusliche Gewalt ist in erster Linie Männergewalt. Sie findet zwar überwiegend im häuslichen Rahmen der Familie statt, wird aber seit einigen Jahren nicht mehr nur zur Privatsache erklärt. Nun werden die Gewalttatbestände mit ihren verheerenden Wirkungen auf die Opfer, das Familienleben und die Entwicklung vorhandener Kinder offiziell festgestellt. Um jedoch effektiv und nachhaltig reagieren zu können ist es erforderlich, dass alle staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen, die mit häuslicher Gewalt befasst sind, koordiniert und vernetzt intervenieren. Diese Vernetzung und Koordination stellt das Bielefelder Interventionsprojekt sicher.

Entstehung des Projekts
In den Jahren 1995 bis 1999 wurde im Regierungsbezirk Detmold eine Studie über Tötungsdelikte zum Nachteil von Frauen durchgeführt. Sie ergab, dass in über 50% der Fälle im sozialen Umfeld der Opfer schon zum Teil weit vor der Tat Gewaltexzesse zwischen Täter und Opfer bekannt waren. In etwa 25% der Fälle gab es vor den Taten auch schon Polizeieinsätze aus Anlass dieser Gewalt. Diese Erkenntnis führte unter anderem zu der Überlegung, dass eine Gewalteskalation nur vermieden werden kann, wenn schon beim ersten Bekannt werden von häuslicher Gewalt wirkungsvoll und nachhaltig eingegriffen wird. So wurde das Interventionsprojekt von der Leiterin des Kommissariates Vorbeugung der Bielefelder Polizei und der Leiterin der Gleichstellungsstelle der Stadt Bielefeld im Januar 1999 in einer Arbeitsgruppe »Gewalt gegen Frauen« des Sozial- und Kriminalpräventiven Rates Bielefeld initiiert und seitdem koordiniert und geleitet.

Ziele des Projekts
Primäres Ziel des Interventionsprojektes ist die Verbesserung des Opferschutzes und die Stärkung und Unterstützung der Opfer. Die Ächtung der Taten, die schnelle und konsequente Sanktionierung der Täter durch die Justiz und nicht zuletzt auch Hilfeangebote für die Täter waren weiter notwendige und ergänzende Ziele.
Um diese Ziele in Bielefeld zu erreichen war es erforderlich, die polizeilichen, kommunalen, sozialarbeiterischen und therapeutischen Interventionsmöglichkeiten zusammenzuführen, zu optimieren und die beteiligten Institutionen zu vernetzen. Erfahrungen und Orientierung zu diesem Projekt ergaben sich aus anderen, bereits bestehenden Projekten und hier in erster Linie aus dem in Berlin durchgeführten BIG-Projekt.

Organisation des Projekts
Die Komplexität des Phänomens »Häusliche Gewalt« und die unterschiedlichen Orientierungen und Interessen der Netzwerkpartner und -partnerinnen führten zu einer abgestuften Entwicklung des Gesamtprojektes in Teilprojekten, in denen jeweils in separaten Arbeitsgruppen teilprojekt-spezifische Konzepte erarbeitet wurden. Die Teilprojekte erfassen im Wesentlichen die einzelnen Phasen staatlicher Intervention bei häuslicher Gewalt. Aus diesem Grund sind auch in den jeweiligen Arbeitsgruppen die Interventionspartner und -partnerinnen vertreten, die in der Praxis in den jeweiligen Phasen agieren.

In allen Arbeitsgruppen sind die Polizei und die Gleichstellungsstelle für Frauenfragen vertreten.

AG 1: Polizeilicher Erstkontakt
Dienstleistungszentren der Stadt, Frauenhäuser, Männerberatungsstelle
AG 2: Hilfe / Unterstützung für die Opfer
Dienstleistungszentren der Stadt, Frauenhäuser, Frauenberatungsstelle, Männerberatungsstelle
AG 3: Hilfe für Migrantinnen
Frauenberatungsstelle, Begegnungszentren für Ausländerinnen, Autonomes Frauenhaus, Ausländerbehörde, Interkulturelles Büro
AG 4: Strafrecht und Zivilrecht
Staatsanwaltschaft, Richterinnen, Rechtsanwältinnen, Frauenhäuser, Frauenberatungsstelle, Frauennotruf
AG 5: Die Arbeit mit den Tätern
Staatsanwaltschaft, Männerberatungsstelle, Frauenhäuser
AG 6: Gesundheitliche Versorgung
Frauenberatungsstelle, Plenum Bielefelder Frauenprojekte, Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe, Ärztekammer Westfalen-Lippe
AG 7: Kinder in Gewaltbeziehungen
Beratungsstelle Bethel, Ärztliche Beratungsstelle, Mädchenhaus, Familienberatungsstellen, Dienstleistungszentren
AG 8: Nachbarschaft gegen Gewalt
Dienstleistungszentren der Stadt, Wohnungsgesellschaften

Organisation des Projekts
Die AG 1 beschäftigte sich mit dem polizeilichen Erstkontakt bei Einsätzen aus Anlass häuslicher Gewalt. Es wurden eine Checkliste für die Ausgestaltung von Strafanzeigen erarbeitet und ein Leitfaden entwickelt. In allen Polizeiinspektionen wurden Ansprechpartnerinnen oder Ansprechpartner (Multiplikatoren) und in den Kriminalkommissariaten der Inspektionen Schwerpunktsachbearbeiterinnen und -arbeiter für häusliche Gewalt eingesetzt. Alle Ergebnisse der AG 1 sind im Jahr 2000 in eine Dienstanweisung für die Polizei »Einschreiten bei Gewalt in Beziehungen« umgesetzt und zum Teil auch in die Fortbildung übernommen worden. An jeder polizeilichen Fortbildung in diesem Bereich nimmt immer eine Vertreterin der kommunalen Dienstleistungszentren, der Frauenhäuser, der Frauenberatungsstellen oder aber die zuständige Sonderdezernentin der Staatsanwaltschaft teil. Im Jahr 2002 wurde die Konzeption um Aspekte des Gewaltschutzgesetzes und des § 34a des nordrhein-westfälischen Polizeigesetzes mit Wohnungsverweisung und Rückkehrverbot, aktualisiert.
Zur Zeit wird bei der Bielefelder Polizei eine Sonderauswertung aller Tötungsdelikte an Frauen (2002–2005) mit dem Ziel durchgeführt, Möglichkeiten und Grenzen polizeilicher Intervention im Bereich häuslicher Gewalt aufzuzeigen.

Die AG 2 hat unter Einbeziehung der in der Stadt vorhandenen Angebote und Institutionen ein Hilfekonzept für die Opfer erarbeitet. Es wurden Flyer und Notfallkarten entwickelt, die bei jedem Einsatz von der Polizei an die Opfer übergeben werden. Darüber hinaus entstand in der Stadt Bielefeld ein Netzwerk von Stellen und Einrichtungen, das sicher stellt, dass zuverlässig auf jeden polizeilichen Einsatz eine sozialarbeiterische Intervention folgt. Nach jedem polizeilichen Einsatz geht eine Durchschrift der polizeilichen Anzeige bzw. des polizeilichen Berichts an das jeweils zuständige Dienstleistungszentrum der Stadt. Dieses verpflichtet sich, je nach zeitlicher Dringlichkeit sofort oder zeitnah mit den Opfern Kontakt aufzunehmen und ihnen ein auf ihre spezifische Situation zugeschnittenes Hilfeangebot zu machen. Dieses freiwillige Angebot wird von Frauen mit Kindern zu fast 80% angenommen. Die wesentlichen Ergebnisse der AG 2 sind in eine Dienstanweisung der Leitung des Dienstleistungszentrums eingeflossen und zu einer verbindlichen Handlungsleitlinie geworden.

Die AG 3 hat das von der AG 2 erarbeitete Hilfekonzept um spezifische Belange von Migrantinnen und spezialisierte Hilfeangebote ergänzt. Erste Auswertungen hatten ergeben, dass das bisherige Angebot von Frauen mit Migrationshintergrund kaum angenommen wurde. Viele Migrantinnen, die sich aus Gewaltbeziehungen lösen, sind stärker als deutsche Frauen bedroht und brauchen spezifischeren, den jeweiligen kulturellen Hintergrund berücksichtigenden Schutz.
Dieser Projektbaustein ist mit Mitteln des Ministeriums für Gesundheit, Soziales, Frauen und Familie des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert worden.

Die AG 4 mit dem Schwerpunkt Strafrecht und Zivilrecht arbeitet seit 2003. Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft Bielefeld Sonderdezernentinnen für häusliche Gewalt benannt. Dies hat bereits zu einer wesentlichen Konkretisierung der Zusammenarbeit von Polizei und StA geführt. Weiter versucht die AG, Richterinnen und Richter stärker in die Zusammenarbeit einzubeziehen und Hindernisse bei der Inanspruchnahme straf- und zivilrechtlicher Schritte nach dem Gewaltschutzgesetz zu beseitigen. Darüber hinaus hat sich die Arbeitsgruppe auch mit dem Problem des »Stalking« beschäftigt, weil hier starke Zusammenhänge mit häuslicher Gewalt, besonders in Trennungssituationen und nach einer Trennung gesehen werden. In diesem Schwerpunkt wurden u.a. die bestehenden Beratungsangebote besser aufeinander abgestimmt. Weiter wurde verabredet, die Fälle, in denen rechtliche Schritte unternommen wurden, auszuwerten. Ein weiterer wesentlicher Baustein ist, dass die Schwerpunktsachbearbeiterinnen und -arbeiter für häusliche Gewalt als spezielle Ansprechpartner für »Stalking« geschult und eingesetzt werden und sogenannte »Gefährderansprachen« durchführen.

In der AG 5 wurde maßgeblich von der Bielefelder Männerberatungsstelle »man-o-mann«, Männerberatung im VSGB e.V. in Absprache mit der Staatsanwaltschaft ein Konzept für die Arbeit mit den gewalttätigen Männern entwickelt. Es sieht unter anderem vor, dass die Sonderdezernentinnen der Staatsanwaltschaft einsichtigen Männern statt einer durch das Gericht zu erwartenden Geldstrafe eine Teilnahme am therapeutischen Teil des Konzeptes zur Auflage machen kann, um ihre Gewaltproblematik aufzuarbeiten. Bei erfolgreicher Teilnahme der Täter kann dann das Strafverfahren durch die Staatsanwaltschaft eingestellt werden. Die Inanspruchnahme dieses Angebotes konnte erheblich dadurch verbessert werden, dass die Beauftragten für Opferschutz der Polizei frühzeitig mit den Tätern Kontakt aufgenommen haben.

Im Jahr 2004 wurde die AG 6 für den Bereich der Verbesserung der gesundheitlichen Versorgung von Opfern häuslicher Gewalt gebildet. Die Arbeitsgruppe hat Informationsmaterial für niedergelassene Ärzte, für die Notfallpraxis und für Kliniken erarbeitet und in Veranstaltungen wie z.B. Qualitätszirkeln oder Berufsverbandversammlungen vorgestellt und verteilt. Darüber hinaus wurden zertifizierte Fortbildungen und Informationsveranstaltungen für Ärzte und Ärztinnen durchgeführt, in deren Rahmen auch die soziale Infrastruktur für Opfer von Gewalt vorgestellt wurde, um ein transparentes Verweissystem aufzubauen, das die soziale Infrastruktur und das Gesundheitssystem vernetzt. Geplant ist, zukünftig auch Fortbildungen für Pflegepersonal, Arzthelferinnen und Arzthelfer sowie Rettungssanitäter anzubieten.

Die AG 7, die die besonderen Belange von Kindern in Gewaltbeziehungen aufgreift, ist im Oktober 2004 eingerichtet worden. Analysiert werden alle Bausteine des Interventionsprojektes, um sie mit dem Blick auf die Belange der Kinder zu optimieren. Für die polizeiliche Intervention liegen erste Ergebnisse vor, die zur Zeit mit Beamtinnen und Beamten des Wach- und Wechseldienstes der Polizei diskutiert und auf ihre Realisierbarkeit überprüft werden. Zur Zeit arbeitet die Arbeitsgruppe an einer Bestandsaufnahme der Hilfeangebote für Kinder und Jugendliche, um das Angebot im Rahmen der bestehenden Bedingungen zu optimieren und besser zu vernetzen. Darüber hinaus sollen ein Flyer für Mütter und ein Flyer für Täter (in Kooperation mit der Männerberatungsstelle) erarbeitet werden.

Im April 2005 hat die AG 8 ihre Arbeit mit dem Ziel aufgenommen, die polizeilichen und städtischen Angebote zum Thema mit den spezifischen Belangen der Wohnungsgesellschaften abzustimmen und zu verknüpfen. Es werden Informationsveranstaltungen durchgeführt, mit dem Ziel, die Sozialarbeiter und das Servicepersonal der Wohnungsgesellschaften zu sensibilisieren und zu kompetenten Ansprechpartnern i.S. »Häuslicher Gewalt« zu qualifizieren.

Gemeinsam mit verantwortlichen der Wohnungsunternehmen wurden z.B. Informationsmaterialien für das Servicepersonal und die Hausmeister, Plakate mit Hilfeangeboten für die Mieterinnen, entwickelt.

Weitere Informationen
In Bielefeld hat sich diese lokale Vernetzung in Form eines Interventionsprojektes mit verschiedenen Arbeitsgruppen bewährt. Es ist gelungen, unterschiedliche gesellschaftliche Kräfte und Interessen zu bündeln, um ein sehr komplexes gesellschaftliches Problem umfassend zu bearbeiten. In einer landesweiten Auswertung des Ministeriums für Gesundheit, Soziales, Frauen und Familie des Landes Nordrhein Westfalen wurde dem Bielefelder Projekt bescheinigt den »effektivsten Vernetzungszusammenhang« und »geeignete Verfahrensweisen« geschaffen zu haben, um Konzepte in Kooperation mit örtlichen Institutionen umzusetzen.

Im Jahr 2004 wurde das Bielefelder Interventionsprojekt, als eins von vier deutschen Projekten, auf der »European Crime Prevention Network (EUCPN)« in den Haag vorgestellt. Das Netzwerk verfolgt das Ziel, bewährte Strategien und Methoden der Kriminalprävention europaweit auszutauschen und weiterzuentwickeln.

 
Top 2009 © Sozial- und Kriminalpräventiver Rat der Stadt Bielefeld